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21/01/2015

Beifall für eine schöne Oper - Frank Piontek - www.deropernfreund.de









Régis Campo:
Quai West
Premiere (Uraufführung Der Deutschen Fassung): 17.12. 2014

Beifall für eine schöne Oper

In den Achtigerer Jahren gehörte der französische Dramatiker Bernard-Marie Koltès zu den meistgespielten Dramatikern nicht nur seines Heimatlandes – auch dank „seines“ Uraufführungsregisseurs Patrice Chéreau, der bekanntlich durch den Bayreuther „Jahrhundert-Ring“ unsterblich wurde. Drogen, Sex, Dealing, Dunkelheit, Gewalt, aber auch Traum, Poesie, Geheimnis: mit diesen Schlagworten könnte man das Werk des Dramatikers umreißen, der auf sehr persönliche, verrätselte wie glasklar analytische Weise seine Zeit betarchtete. Dass eine Oper nach einem Drama des zu früh verstorbenen Autors auf die Bühne kommen würde, hätte er selbst, der das Theater in seiner konventionellen Form wohl hasste, vermutlich als Witz empfunden. Tatsächlich handelt es sich bei Régis Campos „Quai West“ um keinen Scherz, sondern um einen veritablen, langen, doch nicht überlangen Einakter: in bester französischer Manier. Stcihwort: Clarté.
Nun hatte hat die auch am Opernhaus Nürnberg ihre Premiere erlebt, nachdem die erste, in Straßburg an der an der Opéra National du Rhin uraufgeführte Fassung vielfältigen Veränderungen unterworfen wurde: musikalischen, aber auch szenischen. Die Nürnberger Fassung, die sich laut Regisseur Kristian Fréderic stark von der Erstfassung unterscheidet, ist weniger hart und drastisch, als man es als Freund des deutschen Regietheaters erwartet hat. Im Grunde besitzt auch diese Version der Geschichte, bei allen psychischen Verwerfungen, den Hauch der Zärtlichkeit. Das macht: eine Musik, die zirpt und flötet und sich – da bemerkt man Campos Lehrer Henri Dutilleux, sogar ein wenig Maurice Ravel am Werk - in berauschenden Farbspielen samt magischem Fernchor aussingt. Das Orchester – ein Mozartorchester plus Schlagzeug plus Elektronik und E-Gitarre – wird von Marcus Bosch wunderbar durch den Abend gelotst: mit dem eingelösten Anspruch, den Text der deutsch singenden Sänger stets hörbar zu machen. Es gelingt; nur in den wenigen Ensembles, die die Librettisten (der Regisseur selbst und Florence Doublet) aus dem stark gekürzten Text herausarbeiteten, versteht der Hörer naturgemäß kein Wort. Er muss es auch nicht, denn ein Frauenterzett, das zum Rosenkavalier-Terzett wie, ein wenig, zu B.A. Zimmermanns „Soldaten“-Terzett grüßt, besitzt ja nicht dank des Textes seine enormen emotionalen und handwerklichen Qualitäten. Gleichwohl ist das, was in Szene 27 gesungen wird, nicht allein poetisch, auch höchst sangbar: „Die Nacht wird kommen, sie wird sehr schnell kommen, während wir uns in den Straßen völlig verirren, und dann können wir weinen, und niemand wird uns die Augen trocknen.“ Und die Stimmen schwingen sich inmitten des Dunkel nach oben: hin zu jener Sehnsucht, die der Text scheinbar verneint.
Es sind natürlich wieder die ausnahmslos guten Sänger, die die Geschichte tragen. Pavel Shmulevichsingt den reichen, armen Mann, der sich in den vonBruno de Lavenère hinreißend entworfenen, äußerst impressionistischen Hangar am Stadtrand verirrt hat, wo er sterben will, und wo sich die sinistren Figuren der Nacht herumtreiben, die auf der Suche nach sich selbst und ihren Vätern und Müttern sind: Charles (Hans Kittelmann), Fak (im Falsett: Fabrice di Falco) und der stumme Abad (Augustin Dikongué), der zu Charles' Mörder wird.
Leila Pfister ist, mit ihrem ausdrucksstarken wie vornehmen Alt, eine äußerst beeindruckende Cécile: eine starke wie sensible Frau am Ende ihres Weges, die aus ihrer südamerikanischen Urheimat ausgespuckt wurde, wo sie schließlich sprachlich wieder hingerät und, wie bei Wagner, „entseelt zu Boden sinkt“.Michaela Maria Mayer kann nicht allein Eva, Gretel, Zdenka und die anderen süßen Wesen (auch die Josepha Vogelhuber). Sie spielt, wieder herzergreifend und mit glockenklarem Sopran, das Opfer der Männer, die sich doch nicht aus ihrem Bann lösen kann.
Leah Gordon ist Monique, Taehyun Jun Rodolfe, der Mann Céciles: keine Einwände gegen die expressiven Stimmen.
Der Rest ist jenes Schweigen, aus dem die Geschichte in der ersten Minute herauswuchs. Was kann die Sprache? Koltés meinte, dass sie wenig könne. Die Sprache der Camposchen Musik aber ist stark, sehr stark.
Starker Beifall in einem nicht ganz gefüllten Haus. Man sollte ihn weiterempfehlen: weil die Gattung „Literaturoper“ noch lange nicht erledigt ist und das Nürnberger Ensemble wieder einmal seine Schönheiten beweisen kann: an einem „hässlichen“, doch ästhetisch anspruchsvollem Stoff. Dass just zu dieser Premiere eines ins Deutsche gebrachten französischen Werks das Motto „Je suis Charlie“ zum Slogan aus des Nürnberger Opernhauses gemacht wurde, ist insofern, falls man hier von Glück reden kann, ein glücklicher Zufall.

Frank Piontek, 18.1. 2015

http://www.deropernfreund.de/nuernberg-19.html

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